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Wir waren 2017 bei KiR:

Christine Eixenberger
Heinrich del Core
Michael Altinger
Christian Springer

Christian Springer: Haben Sie ab jetzt eine Haltung!

Länger als erwartet musste das Publikum der KiR-Bühne auf den fernsehbekannten Kabarettisten Christian Springer warten, denn der stand im Stau der A 8. Am Ende war es jedoch, trotz Verspätung, ein gelungener Kabarettabend , der einmal mehr bewies, dass der Münchner nicht nur ein ausgezeichneter Kabarettist ist, sondern vor allem ein politisch denkender Mensch mit Haltung!

 

Wer sich an sein letztes KiR-Gastspiel erinnerte, konnte feststellen, dass Springer seiner Linie auch in seinem neuen Programm treu geblieben ist und durch seine Geschichten menschliches Zusammenleben durchleuchtet und einfordert. Seine Art Kabarett verzichtet auf Politiker-Bashing. Es ist kein Schenkel-Klopf-Theater und keine Ablach-Veranstaltung, sondern, wie es Henner Klusch in seinem BNN-Bericht über den Abend formulierte, „die schnelle Pointe zum politischen Tagesgeschehen ist seine Sache nicht. Dafür erzählt er Geschichten, bei denen man gelegentlich erst später merkt, welch aktuelle Themen abgehandelt werden.“

 

„Gibt’s wirklich kein Gammelfleisch mehr?“ Mit dieser simplen Frage verdeutlicht Christian Springer wie sprunghaft und oberflächlich unsere moderne Mediengesellschaft ist. Beim alles überlagernden Thema Flüchtlinge stellt er klar: „Ich möchte, dass Fremde bei uns Deutsch können, aber ich möchte auch, dass Deutsche Deutsch können!“ Die Leitkultur, vor allem wie sie in seiner bayrischen Heimat immer wieder eingefordert wird, hinterfragt Christian Springer. Erhellend ist dabei die Geschichte der deutschen Nationalhymne. Geschrieben im engli-schen Exil, komponiert von einem Österreicher, dessen Vorlage ein kroatisches Volkslied war. Und schließlich verkneift sich der Kabarettist nicht den Hinweis auf die erste deutsche Nationalhymne der Nachkriegszeit, die beim ersten Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer in Amerika tatsächlich gespielt wurde: das rheinische Karnevalslied "Heidewitzka, Herr Kapitän". Und er erinnert an die Fähigkeit seiner Landeshauptstadt München innerhalb von knapp zwei Wochen 6 Millionen Menschen, „Flüchtlinge“, aus aller Welt aufzunehmen, um sie dann nach Ende des Oktoberfestes wieder abzu-schieben.

 

Am Ende des Abends entlässt der Kabarettist sein Publikum mit einer Geschichte über einen typisch deutschen Sonntagsspaziergang von Goethe und Beethoven, bei dem sie dem österreichischen Kaiser begegnen. Im Gegensatz zu Goethe grüßt und verbeugt sich Beethoven nicht, sondern setzt seinen Spaziergang unbeirrt fort. Schließlich hatte ihn der Kaiser zuvor bei seiner Opernpremiere ins offene Messer laufen lassen. – Für Christian Springer ist diese Haltung konsequent, was er mit der Bemerkung zusammenfasst: „Bleiben Sie aufrecht. Haben Sie ab jetzt eine Haltung!“

Michael Altinger: "Der Himmel wird erst hell, wenn es die Hölle gibt!"

Wer beim Gastspiel von Michael Altinger auf der KiR-Bühne tagespolitisch aktuelles Kabarett erwartet hatte, musste sich mit einer kurzen Anmerkung zum Schulz-Hype und ein paar Anspielungen auf Donald Trump begnügen. Dafür erlebte das Publikum ein prall gefülltes Programm bissiger Gesellschaftskritik und eine Abrechnung mit dem Life-Style-Wahn unserer Zeit. So überzeichnete er eindrucksvoll aktuelle Trendsportarten, für deren Notwendig- und Sinnhaftigkeit das Totschlagargument "Da trainierst du alles!" herhalten müsse. Als roter Faden, an dem entlang er sein Programm aufbaute, diente Michael Altinger ein Verkehrsunfall, den er beim Rückwärtseinparken verursacht hatte. Immer wieder wurden seine Überlegungen über Umgang miteinander, Moral und ähnlicher Kategorien, an denen er sein Publikum gestenreich teilhaben ließ, durch Handyanrufe seines Versicherungsagenten unterbrochen.

 

Dieser brachte ihn auf den neuesten Stand, denn aus einem ehemals vergleichsweise harmlosen Kratzer wurde im Laufe des Abends ein existenzbedrohender Totalschaden. Sein Unfallgegner, Helmut Lux, der Erfinder aller unnötigen Dinge von Nordic Walking bis Stand-Up-Paddling, entpuppte sich entgegen des ersten Eindrucks als einer jener Zeitgenossen, die durch einen problemlosen Versicherungsbetrug ihren jährlichen Thailandurlaub finanzieren und die wohl davon überzeugt sind, dass das Verändern der Fakten sie göttlich mache. Michael Altinger untermauerte seine Gedanken mit musikalischen Beiträgen, begleitet von Martin Julius Faber, mit Songs über den kategorischen Imperativ, seine guten Ärzte oder er persiflierte "atemlos" die Welt der Schlager, Schnulzen und aller Probleme der neuen Zeit. "Eine Watschen", so stellte er fest, war in seiner Jugend "eine moralische Sättigungsbeilage" und "der Himmel wird erst hell, wenn es die Hölle gibt." Unsere Gesellschaft, erklärte Altinger, werde in ihrer Entwicklung blockiert durch unendlich viele Weltverschwörungstheorien.

 

Hier leistete er Aufklärungsarbeit: Tatsächlich habe die NASA überlegt, die Mondlandung in einem Hollywood-Studio filmen zu lassen. Aber nachdem der Kostenvoranschlag vorlag, habe man sich entschlossen zum Mond zu fliegen und den Film vor Ort selbst zu drehen. Altingers Programm "Hell", der Auftakt einer geplanten Trilogie, war kein Abend zum leichtfertigen Ablachen, manche seiner Pointen erschlossen sich erst mit zeitlicher Verzögerung. Es war Gesellschaftskritik vorgetragen von einem Kabarettisten, dessen Gesamtkonzept in sich stimmig war und überzeugend vorgetragen wurde.

Heinrich del Core: Meister der Alltagsabsurditäten

Die Auswirkungen der sozialen Netzwerke wurden beim Gastspiel von Heinrich del Core auf der KiR-Bühne überdeutlich: innehalb weniger Minuten war die Vorstellung des YouTube-Stars, dessen Video-Mitschnitte millionenfach geklickt werden, ausverkauft und nach dem Auftritt war del Cores Publikum restlos begeistert. Mit seinen Erzählungen mitten aus dem ganz gewöhnlichen Leben traf er den Nerv der Besucherinnen und Besucher und bescherte ihnen zweieinhalb Stunden stressfreie Unterhaltung - Lachen über Alltagsabsurditäten. "Das war jetzt die richtige Entspannungstherapie nach einer langen Woche mit Problemen und Katastrophenmeldungen".

 

Ein unbeschwertes Lachen über Alltägliches, Klischees, Absurditäten und doch würzte der schwäbische Geschichtenerzähler seine Ausführungen durchaus mit kleinen, treffsicheren politischen Seitenhieben, wenn er über die Türkeidemonstrationen sagte, dies käme ihm vor, wie wenn Freilandhühner für Käfighaltung demonstrierten oder die AfDler seien gute Schwimmer, weil sie hohl seinen. Aber am Ende gingen sie doch unter, weil sie alle nicht dicht sind. Schmunzeln, Lachen. Kopfschütteln erzeugte del Core mit seiner Darstellung einer Thermomix-Party und der Beschreibung der Fähigkeiten dieses ungeheuerlichen Geräts der Neuzeit. Im Saal hatte man das Gefühl, alle hatten schon einmal nicht nur das Erlebnis einer solchen Party genossen, sondern kannten sich auch mit den kulinarischen Genüssen, die das Zaubergerät erzeugt, aus. Dass der neueste Tatort den Titel "Tod im Thermomix" tragen solte, war da nur noch logisch.

 

Als Heinrich del Core seinen YouTube-Renner über das supermoderne Bad seiner Freunde mit all den Detailschilderungen der WC- und Badtechnik auf die Bühne brachte, fühlte man sich ein klein wenig an die Sketche des Schweizer Kabarettisten Emil Steinberger erinnert. Oder wenn er über die absonderlichen Wortwechsel auf einem Kreuzfahrtschiff berichtete, die so irre klangen, dass es schon wieder gut war. Perfekt gelang ihm seine Darstellung einer Sitzung beim Zahnarzt.

 

Von der Begrüßung bis zum Ende der Behandlung konnte man das nachvollziehen, was del Core auf seinem imaginären Zahnarztstuhl vorspielte. Oder wie eine Frau vom Fach sagte: "Ich denk, ich steh in der Praxis!"

Lernbelästigung - Doppelstunde mit Christine Eixenberger

Vor wenigen Wochen konnte man die Schauspielerin Christine Eixenberger noch in "Marie fängt Feuer" im ZDF-Herzkino bewundern, nach Rheinstetten kam sie nun als Kabarettistin. Und da stand jemand auf der KiR-Bühne, der tatsächlich auf "Lehramt" studiert hatte und nun fein säuberlich das oft schwierige Verhältnis zwischen Eltern, Schülern und Lehrern durchleuchtete. Gymnasiallehrerin war Christine Eixenberger nicht geworden, weil diese in jedem Raum deutlich riechbar seien. Sie verbreiten einen salzigen Geruch von Angstschweiß und Tränen. Deshalb habe sie sich als aktive anonyme Germanistin für das Lehramt an Grundschulen entschieden, an bayrischen Grundschulen. Kinder gelten dort als Humankapital und sie selbst fungiere als Bildungsmanagerin im Umfeld von Eltern, bei denen der Vater manchmal so viel Hirn habe wie ein Spatz Fleisch auf der Kniescheibe. Zu Schulbeginn und zum Unterrichtsende gehe es auch an bayrischen Schulen zu wie im Berufsverkehr einer südamerikanischen Millionenstadt. Das führe zu wahren Tobsuchtsanfällen des Schulbusfahrers, dessen Busspur von elterlichen SUVs blockiert werde, da es keine Drive-In-Schule sei. Immer wieder glänzt Eixenberger durch die Darstellung der Schülertypen, wobei sie das Klischeebild des Bayern außerhalb der Grenzen des Freistaates bewusst bedient. Schuhplatteln gehört ebenso dazu wie der Berge von Leberkäs verspeisende Metzgersohn Basti, der in "Frau Eixenberger" verliebt ist. Wenn die Kabarettistin in den Gesangsmodus wechselt und ihre Songs zu den Themen Feierabend-Disco und Lehrerzuteilung vorträgt oder begleitet von ihrer Ukulele über die Hürden der Sexualität Pubertierender singt, dann springt der Funke über und ihre Zuhörer sind verzückt. Dass sich moderne Pädagogik auch auf das Kabarettpublikum anwenden lässt, beweist Eixenberger mit ihrer Doppelstunde auf der KiR-Bühne, denn auch Schule ist Entertainment und gehört zum Show-Bizz, worauf sich das bayrische Naturtalent trefflich versteht.