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Frederic Hormuth: Wir alle stehen unter Bullshit-Verdacht

„Bullshit ist kein Dünger“ – bei einem solchen Titel fragt man unwillkürlich, ob ein seriöser Kabarettist über „Bullenscheiße“ ein zweistündiges Soloprogramm auf die Bühne bringen kann. Er kann – Frederic Hormuth lieferte auf der KiR-Bühne den Beweis dafür. Dem als Träger des Kleinkunstpreises des Landes Baden-Württemberg ausgezeichneten 50jährigen Mannheimer gelang es, seine Thesen mit Inhalt zu füllen und mit zahllosen Beispielen aus allen Bereichen des Lebens zu untermauern.

 

Nach Hormuth stehe heute jeder unter Bullshit-Verdacht. Ob Politik, Werbung, Beruf, Fa-milie - überall laufe man Gefahr, von den wirklichen Problemen oder Fehlern durch Bullshit abzulenken. Man brauche darum gute Freunde, die einen auf so etwas hinweisen. Das sei wie beim Mundgeruch. Besonders intensiv beschäftigt sich Hormuth mit den immer wiederkehrenden Bullshit-Attacken der Rechtspopulisten, aber auch CDU und SPD, Merkel, Nahles, Merz, Spahn und andere bekommen ihr Fett ab und so ganz nebenbei auch „Palliativ-Horst“ Seehofer und der Chef-Bullshiter aus Amerika.

 

Sein Publikum gewinnt Frederic Hormuth vor allem, wenn er ans Klavier geht und seine eigenen Lieder vorträgt. Der großartige Pianist und Songwriter erhält dann Szenenap-plaus und viele Lacher. Nach der umwerfenden „Honigbrot-Zugabe“ und seiner Erkenntnis, dass man Bullshit als Schlager prima recyceln könne, was er mit seinem finalen Song „Vom Feeling her hatte ich ein gutes Gefühl!“ beweist, beschließt Hormuth sein Programm, von dem der „Mannheimer Morgen“ schreibt: „Glänzendere Texte muss man jenseits der allerersten Garde lange suchen in der deutschen Kabarettszene.“

Die Bilder des Abends von Franz Gerstner

Viel Beifall für Simone Solga und ihr Programm „Das gibt Ärger“

Von Ärger war weit und breit nichts zu spüren als Simone Solga nach dem Schlussapplaus die KiR-Bühne verließ. Wieder einmal hatte die Kabarettistin gezeigt, dass sie zum Besten zählt, was Deutschland derzeit auf der politischen Kabarettbühne zu bieten hat.

 

Erneut trat sie den Beweis an, dass neben der geschliffenen Rede, dem pointierten Wortbeitrag auch der Gesang zum Kabarett gehört. Simone Solga beherrscht sowohl das eine als auch des andere perfekt und sie ist in der Lage den Funken überspringen zu lassen, was ihr auch auf der KiR-Bühne hervorragend gelang.

 

In ihrem BNN-Bericht formulierte Susanne Gracia Beier über die Kunst von Simone Solga: „Es heißt ja, dass einem bei wirklich gutem Kabarett das Lachen gerne mal im Halse ste-cken bleibt. Simone Solga macht das mit links. Und ist das Lachen dann kurz stecken geblieben, zaubert sie es dennoch im nächsten Moment mühelos wieder hervor und hält für das Publikum kunstvoll die Waage zwischen einfacher erfrischender Offenheit und bloßstellender erdrückender Selbsterkenntnis.“

 

Ihr Schlusslied „Halt mich aus“ mündete in einem nicht enden wollenden Applaus, der zugleich eine Einladung für Simone Solga war, auch mit ihrem nächsten Programm auf der KiR-Bühne aufzutreten. Denn sie ist in der Tat „eine treue KiR-Seele“. Schließlich war sie seit 1995 mitjedem ihrer Programme zu Gast in Rheinstetten. Ihre stetig wachsende Rheinstettener Fangemeinde weiß das zu schätzen und ging nach einem rundum gelungenen Kabarettabend überaus zufrieden nach Hause.

Die Bilder des Abends von Franz Gerstner

Oh Herr schmeiß Hirn vom Himmel oder Backsteine - Hauptsache du triffst!


Eigentlich sollte der Kabarettabend mit HG Butzko bereits im Oktober 2017 auf der KiR-Bühne stattfinden, aber dann schlug die Grippe zu, so dass er nun am Ende der Bühnensaison nachgeholt wurde.

 

Butzko ist Gelsenkirchener. Er ist ein Kind des Kohlenpotts, ein Malocher. Und genau so ist sein Kabarett: hart, direkt, schnörkellos. Das lässt manche im Publikum tief durchat-men, wenn er, so formuliert es Thomas Zimmer in den BNN, klingt wie der Kumpel in der Pilskneipe und einen kabarettistischen Holzhammer nach dem anderen auf die Theke niedersausen lässt.

Butzko spricht Klartext und er arbeitet sich ab an Trump, Pegida, AfD, den Rechtspopulisten, den Islamisten und Evangelikalen. Er entlarvt sie nicht mit alternativen sondern mit tatsächlichen Fakten oder nur mit einfachen Zitaten, die manche unsinnige Behauptung offenlegen wie die Forderung der „Todesstrafe für Selbstmordattentäter“.

 

Seit Trump, so erklärt Butzko, ist Amerika nicht mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten sondern der grenzenlosen Unmöglichkeiten. Und Georg W. Bush gilt nicht mehr als der peinlichste Präsident aller Zeiten. Wäre „Zurückrudern“ eine olympische Disziplin, so hätte die AfD die meisten Goldmedaillen. Der Begriff Urnengang habe in Zeiten des Rechtspopulismus eine neue Bedeutung erlangt: die Politik werde zu Grabe getragen.

In solchen Zeiten bleibe dem Kabarettisten nur noch die Bitte: „Oh Herr schmeiß Hirn vom Himmel oder Backsteine – Hauptsache du triffst!“ Denn das Verhalten vieler Protestwähler, die Rechtspopulisten ihre Stimmen geben, weil ihnen andere Parteien nicht gut genug sind, ist genauso absurd, wie wenn einem Kneipengast das Bier nicht schmeckt und er deshalb an der Klobürste lutsche.

 

Hart geht HG Butzko mit den Religionen ins Gericht. Sie seien nur noch Kartelle zur Durchsetzung von Machtinteressen und dürften nicht mit dem Religiösen verwechselt werden. Den Vorurteilen gegenüber dem Islam stellt er zahlreiche angebliche Koran- Zitate entgegen, die sich jedoch bei näherer Betrachtung als Bibelausschnitte offenbaren.

 

Wie gesagt, Butzko bietet hartes Kabarett und zeigt sich als überzeugter Vertreter der Aufklärung, der Menschlichkeit und Nächstenliebe ins Zentrum seiner Lösungsangebote stellt, was beim Publikum, wie der Beifall beweist, Anerkennung findet. Zumal seine Zugabe, der Monolog des Kommunarden Fritz, Butzkos komödiantisches Talent zeigt und in einem befreienden Lachen endet.

 

 

Die Bilder des Abends von P. & W. Schneider

Mathias Tretter: "Keiner will mehr Spießer sein!"


Die Erwartungen der Besucherinnen und Besucher der KiR-Bühne waren beim Gastspiel von Mathias Tretter hoch, denn schließlich wurde der Kabarettist als einer angekündigt, der durchaus das Zeug habe, in die Fußstapfen eines Dieter Hildebrandt oder Georg Schramm zu treten. Und beim Verlassen des Theatersaal der KiR-Bühne seufzte BNN-Journalist Thomas Zimmer, der sich in der Kabarettszene auskennt: "Wie schaffe ich es nur, denen, die heute nicht bei Mathias Tretter waren, in 80 Zeilen klar zu machen, welchen großartigen Kabarettabend sie versäumt haben?"

 

In der Montagsausgabe der Zeitung war dann zu lesen. „Tretter ist anstrengend, im besten Sinne“ und nach der Feststellung, dass heute viele wichtige Bereiche unfähigen Amateuren überlassen werden, wofür eine „Figur wie Donald Trump im Weißen Haus“ stellvertretend stehe, kommt Zimmer zu dem Ergebnis: „Als Kabarettpatient jedenfalls ist man bei Mathias Tretter in besten Händen: der nämlich ist ein Profi.“

 

So ähnlich sahen es auch die Besucherinnen und Besucher der KiR-Bühne, denn sie belohnten den Kabarettisten mit viel Applaus und zum Teil stehenden Ovationen. Allerdings wurde auch deutlich: dieser Künstler spaltet, provoziert Widerspruch, gibt Denkanstöße aber nicht unbedingt Lösungen. Er beklagt, dass heute keiner mehr Spießer sein wolle. Alle rasierten sich überall, denn Haare sind eklig und sie erinnern uns an unsere Herkunft. Überragend sind Tretters Darstellungen der Entwicklung vom Bildungsbürger zum Wut- und schließlich zum Hetzbürger, seine Feststellung, Populisten simulierten Politiker oder wie er Fake News und Verschwörungstheorien entlarvt. Immer wieder überrascht er sein Publikum mit einem sprachlichen Feuerwerk. Minutenlange Alliterationen sind ebenso herausfordernd wie Zitate von Walther von der Vogelweide.

 

Wie schrieb Thomas Zimmer in den BNN über Tretter? „Der nämlich ist Profi!“ und das war keine Einzelmeinung!

Die Bilder des Abends von Franz Gerstner

Philipp Weber: „Ja wo simmer denn?“

Zum dritten Mal besuchte Philipp Weber nun die KiR-Bühne in Rheinstetten und entwickelt sich immer mehr zum Publikumsliebling. Nach den Themen „Hunger“ und „Durst“ widmet sich Weber nun in seinem neuen Programm „Weber N° 5 – Ich liebe ihn!“ dem Marketing und begeistert abendfüllend die KiR-Gäste.

 

Zweieinhalb Stunden lang setzte sich Philipp Weber, wie gewohnt gespannt wie ein Flitzebogen, mit den Marketingversprechen aus Politik und Wirtschaft auseinander. Und so bekam die AfD genauso ihr fett weg wie Donald Trump. „Auf einem kranken Hirn wächst kein gesundes Haar.“ Weber stellte einen Zusammenhang zwischen Frisuren und menschenverachtender Politik her und meinte an das junge Publikum im Saal gerichtet: „Nationalismus ist nicht nur bescheuert, sondern sieht auch noch scheiße aus.“ Und so teilt sich für ihn die Welt nicht in Moslems oder Christen, Russen oder Amerikaner, Flüchtlinge oder Europäer sondern nur - Vorsicht Zitat - in „Arschlöcher und Nichtarschlöcher“.

 

Werbung, Marketing, Emotionen sind untrennbar miteinander verbunden und nur so funktioniert Werbung. Dann ist egal was der Verstand sagt, man braucht den elften Milchschäumer , obwohl man Kaffee lieber schwarz trinkt. An vielen Beispielen und fundiert mit Zahlen zeigte Philipp Weber die Absurditäten der Branche auf und hinterfragte die Versprechen der Werbung: „Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über Paarship.“ Unglücklich, meint Weber, denn zum gemeinsamen Glück gehören zwei Singles. Und rechnet man die 11 Minuten hoch, verlieben sich gerade einmal 52.000 Menschen im Jahr. Bei drei Millionen Mitglieder ein verschwindend geringer Teil.

 

Dass bei dieser Kommerzialisierung auch das Zwischenmenschliche auf der Strecke bleibt, treibt Philipp Weber ebenfalls um. Mit Viagra für Mann und Frau sei Erotik chemisch abrufbar und Romantik bleibe auf der Strecke.

Das erklärt möglicherweise auch die gescheiterte Klage eines jungen Mannes gegen eine große Brauerei, bei dem sich trotz des Bierkonsums der entsprechenden Marke kein Erfolg bei Frauen einstellte. Weber erklärte dem jungen Mann aus der Ferne, das Grundprinzip von Bier sei nicht, dass sich Erfolg bei Frauen einstelle, sondern dass der Misserfolg einem nichts mehr ausmache.

 

Schließlich widmete sich Weber auch den Folgen unseres unnötigen Konsums, denn gerade einmal 10% der Dinge, die wir kaufen, brauchen wir auch. Man füttere sich mit Bedürfnissen und bezahle dafür mit seiner Zeit, die einem am Ende des Tages fehle. Denn – so Weber – bei allem Konsum, das wichtigste im Leben bekommt man geschenkt. Das Publikum schenkte Philipp Weber langanhaltenden und begeisterten Applaus - die Emotionen, was soll man tun.

Die Bilder des Abends von Franz Gerstner

Frank Lüdecke eröffnete die neue KiR-Bühne im Mörscher Schulzentrum


Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke trotzte dem Sturmtief Friederike und kam noch rechtzeitig, um die neue Bühne in der vollständig umgestalteten Aula des Schulzentrums Mörsch zu eröffnen. In seinem Programm "Über die Verhältnisse" beschäftigte er sich mit den politisch-gesellschaftlichen Besonderheiten unserer Zeit. Mit seinen Anmerkungen und vor allem mit seinen Liedern begeisterte er das Rheinstettener Publikum.

 

Frank Lüdecke begann sein Programm auf der KiR-Bühne mit einer Art Erinnerungskultur, in dem er darauf hinwies, dass seine letzte Vorstellung in Rheinstetten 16 Jahre zurückliege. Nach Richard Rogler und Dieter Hildebrandt war Lüdecke der dritte Künstler, der 2002 die damals neugegründete KiR-Bühne betrat. Dem „Gesetz der Regelmäßigkeit“ folgend werde sein dritter Auftritt im Jahr 2034 stattfinden, verkündete der Berliner Kabarettist - eine „Drohung“, die er am Ende des Programms sehr zur Freude seines Publikums wiederholte.

Mit seinem zweiten Seitenhieb kommentierte er die vor über vier Monaten stattgefundene Bundestagswahl, die gegenwärtig beweise, dass man auch eine „regierungslose Zeit“ recht gut überleben könne. Und er karikierte Kanzlerin Merkel mit ihrer Luftblasenrhetorik: „Deshalb ist die Zeit gekommen, in der wir sehr konkret sagen müssten, was gemacht werden sollte.“ Während Amerikas Trump und Ungarns Orban nur am Rande Erwähnung fanden (Europa ist eine tolle Idee, sofern man sie nicht in Ungarn verwirklichen will), entpuppte sich Alexander Dobrindt als die Lieblingszielscheibe des Kabarettisten.

 

Ebenso wichtig war ihm das Thema Bildung: „Ich glaube weiterhin an die Wirksamkeit der klassischen Bildung“ merkte er durchaus ernsthaft an, um dann fortzufahren, dass Kinder Deutsch können sollten, wenn sie in die Schule kommen. „Sie sollten aber auch Deutsch können, wenn sie aus der Schule entlassen werden!“ Vehement wiedersprach er der Aussage, Denken sei etwas für Verlierer, Twittern dagegen für Sieger. Die Welt in 280 Zeichen erklären zu wollen, führe nur dazu, dass die klassische Familie zur WhatsApp-Gruppe verkomme.

 

Außer als klassischer politischer Kabarettist zeigte sich Frank Lüdecke auf der KiR-Bühne auch als hervorragender Musiker. Mit seinen Songs und seinem abschließenden Gitarrensoli begeisterte er das Publikum. Ob er deutschen Pop mit Agitprop vermixte, musikalisch Bourani oder Leonard Cohen zitierte oder eigene Kompositionen vortrug, ob er über Karl Marx und August Bebel sang oder mit „In the Year 2525“ die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland karikierte, immer sprang der Funke von einem Kabarettisten, dem das Musizieren sichtbar Spaß macht, auf ein begeistertes Publikum über .

Die Bilder des Abends von Franz Gerstner