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Ass-Dur mit überzeugendem Neustart auf der KiR-Bühne

Wenn bei einem Duo ein Akteur aufhört, wird es schwierig. Dass ein Neustart trotzdem gelingen kann, bewiesen Dominik und Florian Wagner, das Brüderpaar, das nun als das neue Duo „Ass-Dur“ auf der Bühne steht. In Rheinstetten zeigten die Beiden mit „Quint-Essenz“ nicht nur einige Höhepunkte aus der 13jährigen Ass-Dur-Geschichte, sondern sie lieferten auch den Beweis, wie man innerhalb kürzester Zeit ein überaus gelungenes Programm auf die Beine stellen kann, das das Publikum in seinen Bann zieht.

 

Nach dem anfänglichen Abfeuern einer Vielzahl recht schräger Kalauer besannen sich Dominik und Florian Wagner auf ihre ausgeprägte Musikalität. Was sie am Flügel, mit der Geige und gesanglich boten, war vom Feinsten. Ob Fußball-Fan-Gesänge oder Popmusik im Stil klassischer Komponisten, als Mozart- und Beethovenversion gespielt, dem Publikum war es ein Genuss. Als dann noch Florian mit seiner überzeugenden Gesangsstimme Franz Schuberts „Leiermann“ intonierte und sich auch von den vielfältigen Klaviervariationen seines Bruders nicht irritieren ließ, da war das neue Ass-Dur angekommen!

 

Die wahren Glanzpunkte setzte Ass-Dur jedoch im zweiten Programmteil. Noch vor der Pause hatten sich die Wagner-Brüder Stichworte zurufen lassen, aus denen sie in der Pause einen nagelneuen „Rheinstetten-Blues“ verfassten und ihn als Einstieg in den zweiten Teil zum Vergnügen ihres Publikums vortrugen. Noch intensiver wurde das Publikum im Song-Rate-Wettstreit der Brüder ins Bühnengeschehen eingebunden. Dass Ass-Dur beim Badnerlied hoffnungslos scheiterte, brachte den Saal ebenso wie das „Tanzen im Sitzen“ in Bewegung und zum Toben.

 

Mit der „Umziehnummer“ war das alte Ass-Dur-Duo in der gesamten Comedy- und Kaba-rettszene berühmt geworden. Umso gespannter war man nun auf die Darbietung dieses Glanzstückes durch die neue Formation: sie gelang grandios! Am Ende der akrobatischen Nummer war die anspruchsvolle Klavierpartitur fehlerfrei bewältigt und Dominik und Florian nahmen im klassischen schwarz-weiß Bühnenoutfit den langanhaltenden Beifall in Empfang. Gesteigert wurde das Ganze noch durch ein gelungenes Violin-Klavier-Quartett mit Hilfe einer Loop-Maschine und dem vierhändigen Spiel an Geige und Klavier.

 

Dominik und Florian Wagner zerstreuten die anfänglichen Zweifel und überzeugten in einem 2-Stunden-Programm voller Musikalität, Fingerfertigkeit und Humor. Das neue Duo „Ass-Dur“ eroberte das Rheinstettener Publikum mit einem gelungenen Neustart. Ass-Dur ist angekommen!

 

 

Die Bilder des Abends von Franz Gerstner

Martin Zingsheim: Gesellschaftskritik durch Kopfkino


Einen ganz besonderen Schlusspunkt setzte die KiR-Bühne zum Finale der Bühnensaison 2018/19: Zum Kabarettabend in Rheinstetten brachte der aus Köln stammende Kabarettist Martin Zingsheim sein Programm „Kopfkino“ mit und im Gepäck hatte er sein neues Buch mit dem Titel „Eltern haften an ihren Kindern“.

 

Dass der vierfache Vater weiß, wovon er schreibt und redet, wurde dem Publikum sehr schnell bewusst. Da stand nicht irgendein Kabarettist auf der Bühne, sondern Zingsheim offenbarte sich als einer, der die Sprache beherrscht. Wortakrobatik vom Feinsten und die Liebe zum gesprochenen oder auch gesungenen Wort, das machte sein temporeiches Soloprogramm so außergewöhnlich.

 

Der Künstler, der Musikwissenschaft, Theater-, Film und Fernsehwissenschaft und Philosophie studiert hat und zum Thema „Neue Musik“ promovierte, überzeugte nicht nur mit seine grandiosen Gesellschaftsanalysen anhand kindlichen Verhaltens, sondern auch durch seine sprachliche Vielfalt – vom Dialekt bis zu Hape Kerkelings Kunstfigur Horst Schlämmer und seine geschickt gesetzten Pausen.

 

Dass die Sprache überaus wichtig ist, dass sie teilweise misshandelt wird, bzw. auch als politisches Werkzeug benutzt wird, beweist der Lockenkopf in seinem zwei Stunden dauernden Programm. Er bescheinigt Angela Merkel die Fähigkeit, mit Sätzen wie „Ich bin strikt gegen Mindestlohn, sollten wir aber einführen“ ihre „Entschlossenheit“. Promovierte Geisteswissenschaftler, hierzulande bekannt als Taxifahrer, könnten, so Zingsheims Vorschlag, die Rolle von Sportmoderatoren übernehmen und Hooligans ins Museum begleiten.

 

Als Veganer empfiehlt er dem Publikum, doch wenigstens einmal drei Tage „vegan“ zu kommunizieren. Was er dann auch wie aus der Maschinenpistole geschossen demonstriert. Martin Zingsheim ist ein Schnellsprecher. Seine Wortkaskaden suchen ihresgleichen. Und seine Gedankensprünge - „Sind Elektroschocks humaner, wenn man sie mit Ökostrom verabreicht?“ oder Gott kann den Kirchen nicht helfen ihre Probleme zu lösen, denn "er hat Rücken von der Schöpfung" - sind so überraschend, dass auch das Rheinstettener Publikum vor lauter Zuhören und Mitdenken, um ja nichts zu verpassen, nicht zum Klatschen kommt.

 

Umso heftiger und lauter ist dann der Schlussbeifall, mit dem Martin Zingsheim verabschiedet wird und umso intensiver sind die Gespräche, die er im Anschluss an seine überzeugende Vorstellung im Foyer der Mörscher Schulaula an seinem Büchertisch führt.

Die Bilder des Abends von Walter Schneider

KiR-Bühne: „Mistcapala“ servierte "Wurst statt Käse"

Mit ihrem aktuellen Programm "Wurst statt Käse" gastierten die vier Musiker und Kabarettisten von „Mistcapala“ in Rheinstetten. Dabei war es ein politisch nicht immer korrektes, aber musikalisch unterhaltsames Spektakel, das die Gruppe auf der KiR-Bühne aufführte.

 

Was Armin Federl, Vitus Fichtl, Tom Hake und Tobias Klug aus Landsberg am Lech servierten, war mitunter äußerst schräg und skurril. Die vier Herren bedienten sich lustvoll aus allen Stilarten und Epochen. Heraus kam dabei – wie angekündigt - eine ganz eigene Art des musikalischen Humors. Barockklänge wurden mit Schlagern kombiniert, biedere Volkslieder zu hoher Kunst erhoben, eine Casting-Show zum Runing Gag umfunktioniert und Country-Songs brachial in Szene gesetzt.

 

Musikalisch hochinteressant wurde es beim schweizer Grenzkonzert mit einem unterfränkischen Dudelsack oder als geklärt wurde, was eine tschechische Kurkapelle mit einem Rockklassiker von Queen zu tun hat. In diesen Programmteilen zeigte sich die musikalische Qualität von „Mistcapala“ und die Vier konnten demonstrieren, wie vielfältig ihr Repertoire ist. Futuristisch mutete der Einsatz des Theremin, des 1920 erfundenen elektronischen Musikinstruments an, das von Tom Hake berührungslos perfekt gespielt wurde.

 

Dramaturgisch geschickt wurden die publikumswirksamsten Songs im Schlussteil des Konzerts platziert, wobei Armin Federl seine Treffsicherheit am Akkordeon beweisen konnte, Gitarrist Vitus Fichtl als in sich ruhender Kong-Fu-Fighter ebenso überzeugte wie Kontrabassist Tobias Klug, der als sächsischer Oberkellner Perlen des Wiener Liedgutes vortrug. Dass die abschließende Zugabe im Auftritt einer mittelalterlichen Spielmanns-gruppe gipfelte, vervollständigte das kunterbunte Bild, das der Abend bei einem heiter gestimmten Publikum hinterließ.

Die Bilder des Abends von Franz Gerstner

Claus von Wagners Auseinandersetzung mit der Welt der Banken und Finanzen

In der restlos ausverkauften KiR-Bühne präsentierte Claus von Wagner sein Programm „Theorie der feinen Menschen“, das er nun seit sechs Jahren auf die Bühne zaubert, ohne dass dieses an Aktualität verloren hätte. Am Ende verließ das Publikum hoch zufrieden aber erschöpft das Mörscher Schulzentrum. Dass der Kabarettist den Nerv getroffen hatte, zeigte sich auch an den zahlreichen Gesprächen mit ihm nach der Veranstaltung.

 

Claus von Wagner begann sein Programm nicht auf der Bühne, sondern hinten im Zuschauerraum, von wo aus er sich über die politischen Eliten im In- und Ausland beklagte. Diese, so Wagner, sagen Sätze, die eigentlich ein Kabarettist verfasst.

 

In seinem fast dreistündigen Programm arbeitete sich Claus von Wagner mit schauspielerischem Talent zur Begeisterung des Publikums an den Themen der Zeit ab. Aber nicht nur seine permanente Bühnenpräsenz forderte das KiR-Publikum. Um ihm zu folgen, konnte man sich Unkonzentiertheit nicht erlauben, schnöde Comedywitze zur Erholung suchte man vergebens. Zu wichtig war Claus von Wagner die kurze Zeit, als dass er sie mit unwichtigen Wortgeplänkeln vergeudet hätte.

 

Und so nahm sich von Wagner aus dem Tresor einer Bank heraus vor allem die Finanz- und Wirtschaftsbranche zur Brust: Die Finanzwelt, so sagte er, ist ein Puzzle mit 500 Teilen von einem blauen Himmel und die Finanzmärkte verglich er mit Kapuzineräffchen. Die Wirtschaftswissenschaftler seien Menschen, die in die Vergangenheit schauen, um die Zukunft vorauszusagen – wie die Weihnachtsgans, die auch bis kurz vor Weihnachten glaubt, die Menschen, die sie füttern, meinen es gut mit ihr.

 

Derivate sind für Claus von Wagner Pferdewetten, die Deutsche Bank in diesem Zusammenhang ein Autohändler, der ein Auto ohne Bremsen verkauft und dann auf den Tod des Fahrers wettet. Die bei den Reichen beliebten Charity-Galas, sind für ihn Veranstaltungen bei denen Lachs auf parfümierte Gäste trifft, sodass es die ganze Zeit riecht wie auf der Beerdigung eines Fisches und die anderen schicken Blumen.

 

Auch die anderen Themen der Zeit fanden Raum in Wagners gelungenem Kammerspiel: Flüchtlingsfrage und Konsumüberfluss kombinierte Wagner in der Feststellung, dass die Neuankömmlinge die Deutschen für sparsame Leute halten müssen, denn bei Sperrmüll hat es den Anschein als lebten die Deutschen vor ihren Häusern. Und wer die Bildzeitung lese, um sich zu informieren, der trinke auch Schnaps, wenn er Durst habe.

 

Am Ende des Kabarettabends meinte Claus von Wagner mit Blick auf den Veranstaltungsort, das sei sein schönster Schulbesuch seit 20 Jahren gewesen. Was die Veranstalter hoffen lässt, dass er dieses schöne Ereignis bald mal wieder in Rheinstetten auf der KiR-Bühne wiederholen kann. Auch zur Freude des Rheinstettener Publikums.

Die Bilder des Abends von Franz Gerstner

Arnulf Rating spielte klassisches Kabarett auf der KiR-Bühne

Arnulf Ratings Markenzeichen, die Auseinandersetzung mit Zeitungsschlagzeilen, stand auch bei seinem Gastspiel auf der KiR-Bühne im Mittelpunkt. Für die einen war seine Art Kabarett etwas abwertend „wie bei den Altvorderen“ (Thomas Zimmer, BNN) für viele an-dere im Publikum einfach klassisches Kabarett, das an Dieter Hildebrandt oder Georg Schramm erinnerte. Dazu passte auch Ratings Bühnenkleidung: der blaue Samtanzug mit Weste, die roten Schuhe und bunte Ringelsocken.

 

Sein Wortschwall kam mit einer solchen Geschwindigkeit, dass es oft schwer fiel, ihm inhaltlich zu folgen und die kleinen aber feinen sprachlichen Finten zu entschlüsseln, die er wortakrobatisch in seinen Text eingebaut hatte. Beispielsweise bekam bei seiner Klage über die Unzulänglichkeiten der Deutschen Bahn das Wort „Oberleitungsschaden“ eine vollkommen neue Bedeutung, denn schlagartig erkannte man, dass damit der Schaden gemeint ist, den das Unternehmen durch die oberste Bahnleitung erleidet. Außergewöhnlich war bereits der erste Bühnenauftritt des Kabarettisten: Da packte er ein mitgebrachtes Grillhähnchen aus und verspeiste es auf offener Bühne, um darzulegen, wie schrecklich verseucht und ungesund unsere Nahrung sei. Eigentlich, so Rating, sei er Vegetarier, aber der Gockel bestehe ja nicht aus Fleisch sondern nur aus Antibiotika und sonstigen Giftstoffen.

 

Richtig begeisternd wird Rating, wenn er seine Zeitungsanalyse zelebriert und aufzeigt, wie sehr Schlagzeilen unsere politische und gesellschaftliche Meinung beeinflussen. Dass er dabei die aktuellste Ausgabe der BNN als „Fachblatt für Kabarettisten“ tituliert, ist ein kleiner Gag am Rande. Wie sehr jedoch die Zeitung mit den wirklich ganz großen Buchstaben manipuliert, wurde durch seine grandiose Darbietung überdeutlich.

 

Sein breit angelegtes Zweieinhalb-Stunden-Programm kommt, wie es eine Besucherin formulierte, ohne derbe Witze unterhalb der Gürtellinie aus und ist trotzdem oder gerade deshalb unheimlich unterhaltsam. Über Jamaika, dem Fluch der Karibik, bis hin zur Telefonzelle, dem begehbaren Handy, von der Angst vor Horror-Clowns, die in der Wahl Trumps mündete oder dem Hinweis „solange Sie den Schild Aldi-Süd sehen, sind Sie noch nicht in Kiel“ reichen die kleinen Niedlichkeiten, die zwischen den scharfen Analysen und der Wortakrobatik eingestreut sind. Dass es die Bundeswehr mit der Heimatverteidigung nicht so genau nimmt, dafür aber die Heide in Brand schießt und dass Politik kein Lehrberuf sondern angelernt ist, sind nur kleine Randbemerkungen in einem Programm, das die ganze Bühnenerfahrung des klassischen Kabarettisten zeigt.

Die Bilder des Abends von Franz Gerstner