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Wir waren 2024 bei KiR:

Martin Fromme
Philipp Weber
Sarah Hakenberg
Eva Eiselt
Ass-Dur

Ass-Dur: Von wegen früher war mehr Lametta!


Kurz vor dem 1. Advent waren Ass-Dur, das Brüderpaar Florian und Dominik Wagner zu einem weiteren Auftritt in Rheinstetten. Bei ihren beiden vorangegangenen Gastspielen verzauberten die Wagner-Brüder mit Witz und großem musikalischem Können das KiR-Publikum. Dieses Mal feierten sie mit ihrer großen „Ass-Dur Weihnachtsshow“ im nahezu ausverkauften Theatersaal des Mörscher Schulzentrums Premiere. Und sie zeigten eindrucksvoll: von wegen früher war mehr Lametta. Sie hatten eine ganze Menge davon im Gepäck und ließen es auf der Bühne glitzern.

 

Zugegeben, einige Schnipsel waren schon älter, aber ihr erneuter Gebrauch erwies sich als ungeheuer nachhaltig. Mit ihrer berühmten Ass-Dur-Umziehnummer, während sie am Flügel vierhändig Johann Sebastian Bachs „Italienisches Konzert“ darboten, brachten sie das KiR-Publikum ebenso zum Toben wie mit ihrem „Tanzen im Sitzen“, das den ganzen Saal mitmachen ließ und anschließend zu standing ovations von den Stühlen holte.

 

Die große Weihnachtsshow begann mit dem Weihnachtsinstrument schlechthin: der Blockflöte. Die Reaktion von Zuhörern auf diese musikalisch extrem schräge Darbietung war eindeutig: „So furchtbar muss es geklungen haben, als ich damals unterm Weihnachtsbaum zur Blockflöte greifen musste“. Doch im Laufe des Abends zeigten die Wagner-Brüder ihr wahres musikalisches Können. Egal ob nun Dominik mit seiner Geige Montis „Czardas“ darbot oder Florian seine Finger über die Tasten des Klaviers gleiten ließ, das Publikum in Rheinstetten war fasziniert und begeistert.

 

Wieder aufgegriffen wurde in diesem Weihnachtsprogramm auch die Ass-Dur-Reihe „Wie hätten klassische Komponisten bekannte Lieder geschrieben“. Dieses Mal waren es natürlich die bekanntesten Weihnachtslieder. Wolfgang Amadeus Mozart wurde mit seiner Version von Rolf Zuckowskis „In der Weihnachtsbäckerei“ zitiert, Edvard Grieg nahm sich „Backe, backe Kuchen“ vor und schließlich durfte auch Michael Jacksons Weihnachtssongversionen nicht fehlen. + Eingestreut zwischen die Musiknummern waren die brüderlichen Auseinandersetzungen über Sinn und Unsinn des Festes, die kleinen politischen Spitzen wie die Frage „Was grenzt an Dummheit?“ – Antwort: „Mexiko und Kanada“, der „Bildungsauftrag“ über das Geburtsjahr Christi als Power-Point-Präsentation und das Krippenspiel als Kurz-Musical über die Herbergssuche in Bethlehem. Da irrten Maria und Josef „atemlos durch die Nacht“ bis sie nach vielen Enttäuschungen schließlich doch „ein Bett im Kornfeld“ fanden. Und dazwischen staunte man über Queen- bzw. Freddie Mercurys „Bohemian Rhapsody“ in der Art des ungarischen Komponisten Franz Liszt.

Es war ein überaus unterhaltsamer Abend, der Vorfreude macht auf die 25. KiR-Bühnensaison, die am 17. Januar startet.

Die Bilder des Abends von Franz Gerstner

Eva Eiselt holte Wacken nach Rheinstetten

Am 8. November konnte das KiR-Publikum erleben, was die Jury für die Verleihung des Sonderpreises für den Deutschen Kabarettpreis meinte, als sie über Eva Eiselt sagte: "Sie geht bis an die Grenzen und oft noch einen Schritt weiter. Dabei hinterfragt sie unerschrocken auch sich selbst und ihre Kunstform. Eine furiose Achterbahnfahrt durch unser aller Schubladendenken."

 

Scharfzüngig karikierte Eva Eiselt Denkblockaden und stellte liebgewordene, bequeme Verhaltensmuster bloß. Ab wann, so fragte sie sich, ist die Wahrheit ein Vorurteil? Gibt es ein Leben fernab des Schubladendenkens? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Fragen stellte Eiselt die Wirkung von maskulin geprägten Putzmitteln wie Meister Proper ebenso in Frage wie die Rolle der Frau in der Werbung vergangener Tage. Mit Anekdoten von Clementine oder Frau Sommer setzte sie tausend kleine Nadelstiche und schleuderte sie genussvoll ins Publikum.

 

Eva Eiselt spielte mit Vorurteilen, mit Schubladen, in die man alles hineintut, allen Kruschd wie man im Badischen sagt. Manchmal, so stellte sie fest, „ist es gut, wenn Wissen verloren geht, denn der Mensch zerstört, was er sucht, indem er es findet.“ Kabarett, so heißt es, komme ohne Vorurteile nicht aus. Aber wer in Schubladen denkt, hat ein Brett vor dem Kopf und folgerichtig forderte sie, dass Schubladen Regale sein müssten. Doch das gehe nicht – „dann ist ja alles offen!“

 

In ihrem Programm sprang die Kabarettistin von Thema zu Thema und nahm ihr Publikum mit auf eine rasante Achterbahnfahrt, wie schon die Jury des Deutschen Kabarettpreises anmerkte. Gleich zu Beginn des Programms bekannte sie. „Ich bin Mama von drei Kindern – den Vater mitgerechnet“. Und singen kann sie auch, was sie in ihrem röhrenden Heavy-Metal-Song über den unvergleichlichen Agavendicksaft bewies. Mit dieser grandiosen Nummer holte sie Wacken nach Rheinstetten. Das Publikum war überrascht und entzückt zugleich ob der Wandlungsfähigkeit der Künstlerin.

 

Eva Eiselt bot einen Abend voller scharfer, manchmal beißender Satire und ein durchaus aufklärerisches Vergnügen. Zwei Zugaben erklatschte sich das KiR-Publikum und ging mit dem Agavendicksaft als Ohrwurm nach Hause.

Die Bilder des Abends von Franz Gerstner

Sarah Hakenberg begeistert mit Perschelbär und ihren Liedern!


Viel Applaus gab es in Rheinstetten für Sarah Hakenberg, die eine Menge neuer mitreißender Schmählieder, raffinierter Protestsongs und unverfrorener Ohrwürmer im Gepäck hatte. Aber auch ihre älteren Songs wie "SUV" oder "Schalke" begeisterten ihr Publikum!

 

Ausgesprochen angenehm war die unaufgeregte Art mit der die preisgekrönte Künstlerin ihr Programm präsentierte und immer wieder das Publikum aktiv am Geschehen teilhaben ließ. Spontane Zurufe und Fragen wurden ebenso geschickt eingebunden wie das Mitsingen der Liedrefrains.

 

Mit ihrem Programm „Mut zur Tücke“ traf Sarah Hakenberg den Nerv des Publikums und sorgte für beste Unterhaltung im Theatersaal des Schulzentrums. Ob am Klavier oder an der Ukulele, Sarah Hakenberg erzählte heiter-amüsant von Heiligabend an dem nicht nur das Christkind sondern auch das Magen-Darm-Virus vor der Türe stand, beschrieb mit intelligenter Bosheit die fatalen Folgen des Traums von einem eigenen Pool und besang ihre Liebe zum öffentlichen Dienst.

 

Aber auch politisch bezog Sarah Hakenberg gleich zu Beginn der Veranstaltung deutlich Stellung mit dem Verweis auf den d-Moll Akkord und positionierte sich damit deutlich. Noch deutlicher machte sie das bei ihrem Lied über das Kinderfest der AfD, „denn nur mit Gratisfraß macht auch Rassismus Spaß“, wenn da nur die „Hüpfmoschee" nicht gewesen wäre. Auch bei ihren Spitzen gegen CDU-Merz oder die Ampel zeigte sie, wie sie engelsgleich lächelnd die dicksten Dinger heraushaut, das Publikum mit süßen Klaviermelodien einlullt, um ihm dann hinterrücks rabenschwarze Sätze und Spitzen um die Ohren zu knallen. - Neben ernsthaften Themen war bei Sarah Hakenberg aber auch immer noch Zeit für den „einfachen Lacher“, dann zum Beispiel wenn Herr Hoden darüber hadert, dass seine zukünftige Frau Rosa seinen Namen nicht annehmen will. Oder wenn sie erzählt, wie schnell Kindermund den französischen Vornamen „Pierre-Gilbert in Perschelbär“ verwandelt.

 

Mit ihrem überaus unterhaltsamen Programm bestätigte die in Köln geborene, in München aufgewachsene und jetzt in Ostwestfalen lebende Musik-Kabarettistin ihr besonderes Können und ihre Klasse. Am Ende des Kabarett-Abends gingen die Gäste gut unterhalten nach Hause und hoffen auf ein Wiedersehen mit der Liedermacherin auf der KiR-Bühne, wie es einige formulierten.

Die Bilder des Abends von Franz Gerstner

Ein grandioser Abend mit Philipp Weber

Eine grandiose Vorstellung lieferte Philipp Weber bei seinem jüngsten, dem 5. Auftritt in Rheinstetten auf der KiR-Bühne ab.

Donnernder, orkanartig anschwellender, rhythmischer Applaus begleitete ihn von der Bühne. Es war ein besonderer Festtag für alle Demokraten! Denn Philipp Weber befasste sich in seinem Zweieinhalb-Stunden-Programm mit der Demokratie im Allgemeinen und dem Volk im Besonderen.

 

Bei uns herrsche keine Demokratieverdrossenheit sondern eine Demokratiemüdigkeit, so die Erkenntnis von Philipp Weber. Also stelle sich die Frage, wo man Urlaub von der Demokratie machen könne, um sich von ihr zu erholen. Vielleicht in Saudi-Arabien oder in Russland, aber nicht mit Air-Tour sondern mit Dikta-Tour.

 

Die elementarste Frage für ihn sei jedoch „Wer ist das Volk?“ Im Grundgesetz finde er dazu keine Definition und dieses dauernde lautstarke Skandieren der Parole „Wir sind das Volk“ führe ihn zu der Fragen: „wenn ihr das Volk seid, wer sind dann wir?“ Er müsse da unwillkürlich an Heinrich Heine denken: Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.

 

Am Beispiel eines Ameisenvolkes versuchte Philipp Weber eine Antwort auf Demokratie und Volk zu geben, denn Ameisen und Menschen haben, so sagte der Kabarettist, eine Gemeinsamkeit: Sie sind politische Wesen. Aber die Menschen hätten eine Anspruchshaltung entwickelt, dass die Politik liefern müsse. Für die Ameisen sei klar, alle müssen liefern, damit der Ameisenstaat funktioniert.

 

Philipp Weber sprach über den Zustand unserer Gesellschaft, aber durch seine gelungenen, phantasievollen Geschichten, in die er seine Kritik verpackte, machte er daraus einen überaus genussvollen Abend mit neuen Erkenntnissen wie: bevor Sachsen überakademisiert wird, wird das Matterhorn überfischt. Oder: Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Eine Frau muss tun, was ein Mann hätte tun müssen.

 

Übrigens: Philipp Weber hat nichts von seiner Lebendigkeit verloren. Auch beim 5. Gastspiel auf der KiR-Bühne war die Schnelligkeit seiner Sprache eine Herausforderung für das Publikum und seine Kilometerleistung während des Programms lassen manchen Fußballbundesligaprofi erblassen.

Die Bilder des Abends von Franz Gerstner

„Glückliches Händchen“ - Martin Frommes ungewöhnliches Kabarett-Projekt

Wer kann schon von sich behaupten ein „Glückliches Händchen“ zu haben - wenn nicht Martin Fromme? In Rheinstetten auf der KIR-Bühne machte er mit einem der wohl ungewöhnlichsten Projekte der deutschen Comedy-Kabarett-Szene Station. Comedy mit klarer Haltung und politisch unkorrekt. So war es angekündigt und so wurde es.

 

Gleich zu Beginn testet der von Geburt an mit einem Handicap lebende Martin Fromme die Belastungsfähigkeit des überschaubaren Publikums, das den Weg in die Aula des Schulzentrums gefunden hatte. Denn er bespielte das Thema Behinderte / Nichtbehinderte zum Teil bis an die Schmerzgrenze. Behinderte auf der Bühne, so Fromme, sei kein schlechter Gedanke, denn man werde sowieso immer angestarrt und bei einer Vorstellung zahlen die Leute wenigstens Geld dafür.

 

Dass er als behinderter Künstler viel Erfolg bei seinen weiblichen Fans habe, sei logisch, wahrscheinlich denken viele „der Typ klammert nicht“. Fromme reißt mit seinen Aussagen Grenzen ein, an die sich nichtbehinderte Kabarettisten nie herantrauten.

 

Unterbrochen wurden seine Vorträge immer wieder durch Einspieler in Form von Film und Bild sei es mit Bildern von gescheiterten Rollstuhlrampen oder der Frage „Können Rollstuhlfahrer auch richtige Rampensäue sein?“ Gerade die Berichterstattung bei den Paralympics habe ihn da immer wieder den Kopf schütteln lassen, wenn da getitelt wird „Brasilien mit einem Bein im Finale“ oder „Die Deutschen hinken im internationalen Vergleich hinterher“.

 

Gegen Ende drehte Martin Fromme den Spieß einmal um und fragte in einem Text, den er aus seinem Buch vorlas, was denn wäre, wenn die Mehrheit behindert wäre -da kommt man als Zuschauer ins Grübeln.

 

Der Abend endet mit Martin Frommes Lieblingszeitungsausschnitt, auf dem ein blinder Mann zu sehen ist. Bildunterschrift: „Werner Schmidt, Augenzeuge“. Mit seinem ungewöhnlichen Programm hat Martin Fromme seine Ankündigung wahrgemacht und ein klares Statement zur Diversität abgelegt. Kunst und Kultur, so der Künstler, sollten die Kraft haben zu verändern. Ohne erhobenen Zeigefinger. Martin Fromme kann das.

Die Bilder des Abends von Franz Gerstner