

Die Oktober-Veranstaltung der KiR-Bühne war ganz anderes als der Kabarettabend mit Claus von Wagner im September. Denn nicht das politische Geschehen in Deutschland und der Welt war Thema, sondern es ging einzig und allein um die Blockflöte und was man damit machen kann.
„Zwangsverpflichtet zum Blockflötenspiel sehen die meisten von uns darin ein Folterinstrument ungeliebter Musiklehrer. Mit diesem Vorurteil räumten die drei Musiker von „Wildes Holz“ nachhaltig auf.“ So begann der Konzertbericht über das erste Gastspiel des Trios auf der KiR-Bühne im Jahr 2013 und damit könnte man auch beim diesjährigen Auftritt beginnen, denn die Drei feierten mit dem seltsamen Instrument erneut eine begeisternde Block-Party, eine Zeitreise durch 400 Jahre Musikgeschichte. Eigentlich bekannte Melodien klangen auf einmal fremd. Der Flötensound war schon ganz besonders. Aber er kam an, wie die Reaktion des Publikums zeigte. Ein Besucher formulierte es in der Pause so: „Ich hör das Musikstück und weiß genau, dass ich es kenne. Aber es dauert ewig, bis ich den Titel hab – phantastisch!“
Und was verfremdeten Tobias Reisige an den Flöten, Markus Conrads an Kontrabass bzw. Mandoline und Johannes Behr an der Gitarre so gekonnt? Es war beispielsweise „Habanera“ aus Georges Bizets Oper Carmen, Stayin‘ alive aus Saterday night fever, It’s my Party, Paranoid oder Apache, um nur ein paar Titel zu nennen. Fester Bestandteil des Konzerts war das Publikum. „Wildes Holz“ formte es zum perfekten Taktgeber der das animalische „Uh“ genauso beherrschte wie das dauerhafte, rhythmische Klatschen. Und auf einmal fühlte man sich im Fußballstadion, als „Major Tom“ im Flötensound und mit dem Gesang des Publikums völlig losgelöst und schwerelos durch die KiR-Bühne schwebte.
Während des gesamten Abends zeigten die drei Musiker ihr individuelles Können durch die eingestreuten Soli. Ob Gitarre, Kontrabass, Mandoline oder unterschiedliche Flöten – die Drei aus dem Ruhrgebiet zeigten, wie gut sie ihre Instrumente beherrschen und Tobias Reisige setzte mit dem Blockflötensolo „Astrein“ einen besonderen Höhepunkt ebenso wie Markus Conrads mit seinen Kompositionen „The lost waltz“ oder „Muss“, die Antwort der Ruhrpottler auf die Frage „Wie geht’s?“
Bei der heftig geforderten Zugabe fühlte man sich dann wieder an die eigenen Anfänge des Blockflötenspielens zurückversetzt, denn so unangenehm schräg wie „Wildes Holz“ die Zugabe begann, konnte der Abend nicht enden: „Hey, Pippi Langstrumpf“ war ein furioses Finale einer überaus unterhaltsamen Block Party.

Am Ende stand der gesamte Theatersaal: Standing Ovations für Claus von Wagner bei seinem Gastspiel auf der KiR-Bühne in Rheinstetten. Nach rund drei Stunden Kabarett der Extraklasse gab es kein Halten mehr: Das Publikum wollte den Künstler nicht mehr von der Bühne lassen. Der Applaus im restlos ausverkauften Saal war überwältigend.
Sein neues Programm „Projekt Equilibrium“ setzt sich mit einer aus den Fugen geratenen Welt auseinander, deren Equilibrium (Gleichgewicht) man nur wiederherstellen könne, wenn man schonungslos ihre Schwachstellen betrachte. Und so lieferte der vielfach ausgezeichnetes Kabarettist und Gastgeber der ZDF-Anstalt einen beeindruckenden Ritt durch Politik und Gesellschaft, bei dem es das Publikum nur selten wagte langen Applaus zu spenden oder spontan herzhaft zu lachen, denn bei dem Wortschwall Claus von Wagners musste man befürchten, die nächste unselige Verknüpfung von Lobbyismus und politischem Amt oder die hinter bei der Berechnung von Schuldenbremse und Erbschaftssteuer stehenden Kennzahlen nicht mitzubekommen.
Sehr schnell konnte Wagners Publikum erkennen, dass es wahrlich keine leichte Kost war, die er, der als Sohn eines Rechtsanwalts mit einem ‚von‘ Geborene, auf der KiR-Bühne servierte. Kabarett mit Claus von Wagner ist anstrengend, aber überaus unterhaltsam und hallt lange Zeit nach. Egal ob er sich an seinem „Lieblingspolitiker“ Markus Söder abarbeitete oder Philip Amthor, Staatsminister für Bund-Länder-Beziehung, als Running Gag durch den ganzen Abend zog, immer gab es einen Erkenntnisgewinn, ganz wie es bei gutem politischem Kabarett sein muss.
Claus von Wagner ist, wie er selbst sagte, recherchierender Journalist, schreibender Autor und darstellender Schauspieler. Als solcher regte er sich auf der KiR-Bühne tierisch über die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft auf, aber er belehrte nicht. So ganz nebenbei gab er einen Einblick in die deutsche Besteuerung, die in seinen Augen nach oben immer laxer werde, was er an dem Begriff der ‚Verschonungsbestandsprüfung‘ festmachte. Der Kabarettist klärte auf z. B. über Reichtum in unserer Gesellschaft oder die ‚Stiftung Familienunternehmen‘ und gab seinem Publikum Denkaufgaben mit auf den Heimweg, wenn er ehrliche Kinderbücher forderte wie „Oh wie schön war Panama“ oder „Die endliche Geschichte“.
Trotz der schwer verdaulichen Kost war das Publikum der KiR-Bühne in Rheinstetten begeistert und feierte den Kabarettisten mit stehendem Applaus. Erst nach vier Zugaben durfte er die Bühne verlassen, um im Foyer den Dialog bei einem Bier fortzusetzen.













Gemeinsam mit Martin Wacker & Erik Rastetter und ihrem „Lach-Leseabend“ hat die KiR-Bühne ihren 25. Geburtstag gefeiert. Nach dem Begrüßungssekt für alle Geburtstagsgäste gab KiR-Leiter Christoph Lembach in seiner Begrüßungsrede einen kurzen Überblick über die Entwicklung der KiR-Bühne und verwies auf das Buch zum KiR-Jubiläum, das in der Pause verschenkt wurde.
An diesem Freitagabend waren die Temperaturen unerträglich, umso glücklicher waren die Gäste der KiR-Bühne über den gekühlten Theatersaal im Mörscher Schulzentrum. Bei der Geburtstagsfeier blieb die Hitze "außen vor" und drinnen heizten Erik Rastetter und Martin Wacker mit ihren szenischen Darbietungen und den zum Teil absurden Texten gewaltig ein! - Die beiden Karlsruher Schauspieler und Kabarettisten hatten aus ihrem großen Fundus, schließlich machen Rastetter und Wacker seit 1988 gemeinsam Kabarett, einen gelungenen Lach-Leseabend zusammengestellt nach dem Motto „verrückt und zugetextet“.
Der Einstieg in den Abend gelang ihnen mit Hanns Dieter Hüsch, ihm folgten Überlegungen des langjährigen Autors der Münchner Lach- und Schießgesellschaft Hans-Peter Schreiner von 1987, in dem er seine Visionen und Ängste über eine zukünftige Informationsgesellschaft darlegte, was hochaktuell war und die heutige Position der globalen Tech-Konzerne erschreckend vorwegnahm. Immer wieder nutzten Rastetter und Wacker das literarische Werk des Schweizer Schriftstellers, Kabarettisten und Liedermachers Franz Hohler, um Glanzpunkte zu setzen. So beispielsweise „Die Ballade von der Orthographie“, die von Martin Wacker grandios vorgetragen wurde: „Es war einmal eine Schreibmaschine, die war ein Fall für sich. Sie gehörte dem Chef einer Lampenfirma, das war ein gewisser Herr Stich“. Oder passend zum Auftrittsort im Mörscher Schulzentrum den höchst unterhaltsamen Text von Franziska Polanski zum Thema Interpunktion, aus dem sich sehr deutlich erschloss, wie wichtig richtige Zeichensetzung für das Verständnis von Sprache ist.
Immer wieder streuten die beiden Karlsruher Künstler eigene Texte und Szenen ein: „Der Mörder ist immer der Gärtner“, „Der Badener im Gourmettempel“ oder die Geschichte von Heinz Weber aus Etje, dem Friedhofsgärtner vom Hauptfriedhof, den sie mit dem Architekten für den Umbau des Karlsruher Staatstheaters verwechselten.
Wunderbar amüsant waren auch die Zitate aus den Polizeimeldungen der Südpfalz, den Mitteilungen des Standesamtes in Bruchsal oder den Verlautbarungen der Bundeswehr, in denen zu lesen ist, der Tod sei die stärkste Form der Dienstunfähigkeit. Ebenso unterhaltsam waren die Einspieler aus Rundfunksendungen, die kuriose Versprecher in Karlsruher Sendern dokumentierten.
Den gelungenen Lach-Leseabend schloss Fußballfachmann Martin Wacker, Stadionsprecher des KSC, das Scheitern der DFB-Mannschaft ahnend, mit einem Zitat aus der reichhaltigen Sammlung von Fußballerweisheiten: „Nichts ist Scheißer als Zweiter!“









„Die letzte Tasse Testosteron“ – der Titel ließ keinen Zweifel, um was es im neuen Programm von Michael Altinger, mit dem er nach Rheinstetten auf die KiR-Bühne kam, ging: um Männlichkeit, um konzentrierte, nicht immer positive Rollenbilder von gestern und ihr heutiges Wiederaufleben. Wie fragte schon Herbert Grönemeyer 1984: „Wann ist ein Mann ein Mann?“. Michael Altinger gab Antworten und zeigte auf die vermeintliche Wurzel allen Übels, dem Männlichkeitshormon Testosteron.
Eine Tasse davon stand von Anfang an trinkbereit auf einem Stehtisch. Immer wieder griff der Kabarettist nach der Tasse, aber immer wieder stellte er sie ab, um seine Beobachtungen und Geschichten über die Geschlechterrollen von der Urzeit bis heute zu erzählen.
Schon der erste Auftritt des Abends war perfekt inszeniert: Gitarrist Andreas Rother hüllte die KiR-Bühne in typische Westernklänge und aus dem Dunkel der Bühne trat ein Cowboy, präsentierte eine gelungene Trump-Parodie und das Publikum war gewonnen. Mit seiner Bühnenpräsenz und Spielfreude gelang es Altinger mit Cowboyhut, bissigen Pointen und reichlich Testosteron im Gepäck, sein Publikum über zwei Stunden perfekt zu unterhalten.
Oder wie es Ralf Joachim Kraft in den BNN formulierte:
„Mit scharfsinnigem Witz sezierte Altinger die aktuelle Lage, greift Klischees auf, überzeichnet und entlarvt sie. Er zeigt, wie dünn die Fassade vieler testosterongesteuerter Selbstdarsteller ist. Trump, Putin oder Elon Musk bekommen ebenso ihr Fett weg wie die AfD oder Untergangspropheten, die die unausweichliche Katastrophe beschwören, um sich vor der Verantwortung zu drücken. Zwischendurch blättert der „links-grün versiffte Best-Ager“ im „großen Buch der Strunzenöder“ und liest aus seiner mit illusteren Vorfahren gespickten Familienchronik.“
Dabei erwähnte er nicht nur Galileo Altinger, der die Welt aus einer Scheibe in eine Kugel umgeknetet hat, sondern auch Wikinger Altingerson oder Michelangelo Altinger und auch Hildegard von Altinger, die allesamt in der Saga seiner Strunzenöder Familie auftauchen.
Der BNN-Artikel endet mit der Erkenntnis: „Moralpredigten mit erhobenem Zeigefinger sind Altingers Sache nicht. Er gehört eher zu jenen, die Haltung zeigen und das Publikum über das Lachen zum Nachdenken bringen.“ Das ist ihm in Rheinstetten gelungen, wie der große Schlussbeifall zeigte.













Mit ihrem 5. Soloprogramm gastierte die Kabarettistin Christine Eixenberger auf der KiR-Bühne und begeisterte ihr Publikum. Stehende Ovationen am Ende des zweistündigen Auftritts waren der verdiente Lohn für ein äußerst unterhaltsames Verbalfeuerwerk. Zum wiederholten Mal bewies die mit dem bayrischen Kabarettpreis ausgezeichnete Schlierseerin in Rheinstetten ihr Können als Entertainerin.
Mit vollem Körpereinsatz und überzeugender Mimik nahm sie das KiR-Publikum mit auf die Reise „ihrer fortgeschrittenen Paarwerdung in turbulenten Zeiten“. Denn mit Ende Dreißig, so erklärte Eixenberger, sei sie mit ihrem Freund, dem Herzbuben, zusammengezogen. Genauer: Er sei zu ihr gezogen und eigentlich war ihre kleine Wohnung im Dachgeschoss eine Art Erstaufnahmeeinrichtung. Das erfordere Kompromisse und vor dem Einzug die Bereitschaft zum großen Ausmisten. Welche Qualen es verursacht, sich von geliebten Dingen trennen zu müssen, konnten viele im Publikum aus eigener Erfahrung nachvollziehen.
Immer wieder gelang es Christine Eixenberger, die kleinen Krisen des neuen Zweierhaushalts (Warum liegen die Krümel vom Frühstück noch auf dem Esstisch, obwohl schon Nachmittag ist?) mit den großen Krisen unserer Welt zu verknüpfen. Als Angehörige der Generation Y hinterfrage sie die Dinge und ergründe das Warum. „Warum“, so fragte sie, „schaffen es ausgerechnet die Österreicher trotz enormer topografischer Hindernisse ein funktionierendes Schienennetz zu betreiben?“ Und die Lieferkettenprobleme, unsere Abhängigkeit von China, Russland, den USA, löst sie mit dem eigenen Küchen-Biotech-Labor: „Wir machen uns unabhängig. Mit dem Thermomix produzieren wir jetzt Penicillin!“
Ihre überzeugende komödiantische Kompetenz zeigte Christine Eixenberger als sie den neuen Bastel-Bachelor für die Grundschule vorstellte. Die Absurdität des Dargestellten offenbarte einmal mehr den deutschen Hang zu vermeintlichem Perfektionismus und Überreglement. Auffallend wie die Kabarettistin Figuren aus ihren vorangegangenen Programmen in „Volle Kontrolle“ einbaute und weiterentwickelte oder wie sie sich selbst auf die Schippe nahm und Bezüge zu ihren Fernsehrollen, z.B. Marie fängt Feuer, herstellte.
Übrigens: Die fortgeschrittene Paarwerdung gelang zwar nicht, denn Chrissys Herzbube zog wieder aus, aber umso herzlicher war Christine Eixenbergers Verbindung zum Rheinstettener Publikum, das ihren Auftritt stehend mit großen Applaus belohnte.













Bei seinem Auftritt in Rheinstetten bestätigte sich, was die Presse über seine Wandlungsfähigkeit und seine schauspielerischen Kabinett-Stückchen schreibt: „Erik Lehmann ist herrlich böse, politisch-aktuell, hochintelligent und mutig – aber vor allem richtig witzig.“
Der gebürtige Leipziger, Kabarettist, Kolumnist und Hobby-Imker stand mit seinem Solo-Bühnenprogramm „Neues aus dem Muttiheft“ bei KiR auf der Bühne. Obwohl 2022 mit dem Stuttgarter Besen ausgezeichnet, ist der Künstler hier im tiefen Südwesten noch eher unbekannt, vollkommen zu unrecht.
Erik Lehmann spielte in seinem Programm mit den verschiedenen Dialekten, ob Sächsisch, Bairisch, Österreichisch oder wie ihm die Berliner Schnauze gewachsen ist, er wechselte gekonnt zwischen seinen Figuren und ihren Dialekten. Unterbrochen wurde das Programm immer wieder von seinen Kolumnen, die er gebückt auf seinem Hirschgeweihhocker sitzend zum Besten gab. Dabei lässt Erik Lehmann kein Thema aus: Fußball, der eingefrorene Schnorres eines Biathleten, oder die altarähnliche Aura eines Thermomix. Gekonnt arbeitet der Kabarettist mit der Sprache.
Und zwischen den Kolumnen kamen Waldbesitzer Schorsch aus Bayern zu Wort, der seinen Wald attraktiv machen soll und sich dann mit den Stadtkindern und deren Müttern in ihren „paramilitärischen Schulwegpanzern“, kurz SUVs, herumschlagen muss. Oder Günther in Badehose und Bademantel, auch das Auge lacht ja schließlich mit, der bei den Dreharbeiten zum Frauentausch für die Gattin daheim „Spülmaschinentabs“ kaufen muss. Und dann natürlich seine Paradefigur Uwe Wallisch, der Kleingärtner und Militariabastler aus Dresden, der einzige Mensch bei dem die Evolution sagt: „Bingo!“ Egal ob dieser ein vermeintliches U-Boot-Modell kauft oder versucht eine Gartenhortensie in blau zu verkaufen, mit dieser Figur gewann Erik Lehmann sein Publikum. Aber auch ernstere Themen schlägt der Künstler an, wenn er sich mit dem würdigen Ende des Lebens und der Frage eines selbstbestimmten Ablebens beschäftigt. Und selbst hier schafft er es dem ernsten Stoff um Vorsorgevollmacht und - als letzter Ausweg - dem Waffenschein einige Lacher abzuringen.
Und so waren am Ende des Abends beide, Publikum und Künstler, zufrieden. „Das war ein super Abend!“, meinte eine Besucherin beim Rausgehen. „Wow! Das war eine Wucht!“, schrieb Erik Lehmann lobend ins Gästebuch.











